... oder: Wie übergebe ich eine Rolle an einen Sprecher?

Ich möchte an dieser Stelle einmal das Wort an alle ProjektleiterInnen wenden, die Sprachausgabe in ihr Spiel / ihren Film einbauen möchten. Das ganze versteht sich dann als Tutorial zum Thema Dialogstrukturierung.

Professionelle Synchronisationsaufnahmen werden normalerweise in Tonstudios gemacht. Unter Hobby- und Kleingeldproduzenten hat es sich dank Internet durchgesetzt Sprachaufnahmen zu Hause zu machen und die fertigen Samples online abzuliefern. Das birgt Vor- aber auch Nachteile. Vorteile: Entfernungsunabhängig; zeitlich herrlich koordinierbar. Nachteile: Häufig schwankende Samplequalität und verschiedener Klang der einzelnen Charaktere, die von verschiedenen Sprechern an verschiedenen Orten, mit unterschiedlichem Equipment aufgenommen werden; eventuelle zeitaufwendiges Neusprechen bei Falschbetonung oder beispielsweise Falschaussprache eines Wortes.
Um letzteren Punkt möglichst auszuschließen, lassen sich im Vorhinein schon einige wichtige Vorbereitungen treffen. Ein gut vorbereiteter Dialog und eine vernünftige Situationsbeschreibung sind nämlich das A und O für vernünftige Sprachaufnahmen eines Charakters.

Was sollte der Sprecher bekommen:

Charakterbeschreibung:
Eine (Kurz-)Beschreibung des zu sprechenden Charakters und eventuell der Gesprächspartner sind natürlich sehr wichtig. Screenshots oder Konzeptzeichnungen der Charaktere und/oder der Szene sind nicht zwingend erforderlich, aber helfen dem Sprecher unter Umständen sich besser in die Rolle zu finden.

Eine Szenenübersicht:
Der Sprecher sollte eine kurze Einleitung zum Dialog, bzw. eine kurze Hintergrundgeschichte bekommen, um zu wissen um was es eigentlich geht. Es gibt kaum etwas schlimmeres für einen Sprecher, als eine Reihe von Sätzen dumpf ins blaue zu sprechen. Wenn man nicht weiß worum es geht, kann nur schlecht situationsbezogen betont werden.

Dialog:
Der Aufbau des Dialogs, wie der Sprecher ihn erhält will gut durchdacht sein. Ich habe erlebt, daß Projektleiter Sprechern einfache Listen von Sätzen schicken, zum Beispiel:
Hallo. Mein Name ist Hase.
Ja. Das ist möglich.
Es wäre mir eine Ehre.
Du spinnst ja wohl!

Natürlich nicht unmöglich zu sprechen, aber die Ergebnisse werden sicher nicht dem Gewünschten entsprechen. Der Sprecher weiß einfach nicht, wie was zu betonen ist. Nehmen wir z.B. den Satz "Es wäre mir eine Ehre.\". Wenn der vorhergehende Satz des Gesprächspartners z.B. "Darf ich ihnen diese leckeren Karotten anbieten?" lauten würde, würde man den Satz sicher anders betonen als wenn der vorhergehende Satz "Es wäre mir eine Ehre dich mein Schrot kosten zu lassen!" hieße. Dann wäre "Es wäre mir eine Ehre" eventuell als ironische Wiederholung und im Zusammenhang mit "Du spinnst ja wohl" zu sehen. Das alles geht aber aus der Liste nicht hervor.
Besser ist es einen Dialog komplett mit allen Charakteren und deren Namen zu versenden, etwa in der Form:
Jäger:  Na, wer bist denn du?
Hase:  Hallo. Mein Name ist Hase.
Jäger:  Kann es sein, daß ich dich von irgendwo her kenne?
Hase:  Ja. Das ist möglich.
Jäger:  Möchtest du mal meine Küche sehen?
Hase:  Es wäre mir eine Ehre.
(in der Küche schließt der Jäger die Tür ab und grinst gierig...)
Hase:  Du spinnst ja wohl!

Eine weitere Möglichkeit gute Hinweise zur Sprechweise zu geben sind natürlich die soganannten Regieanweisungen. Im Tonstudio ist für gewöhnlich ein Projektvertrauter anwesen, der in der Regie sitzt und die Aufnahmen überwacht um auf situationsbezogene Betonung der Sprecher zu achten. Bei Aufnahmen über viele Kilometer entfernt natürlich unmöglich. Jedoch kann man simple Regieanweisungen auch direkt in den Dialog schreiben:
Jäger:  (flüsternd und übertrieben freundlich) Na, wer bist denn du?
Hase:  (zögerlich) Hallo. Mein Name ist Hase.

Auch eventuelle anderssprachig ausgesprochene Worte sollten nach Möglichkeit angegeben werden, z.B.:
Hase:  Kennst du den Weg nach Rabbit Island?  (‚Rabbit Island’ – engl. Aussprache)

So kann dann eigentlich fast nichts mehr schief gehen.

Echter Komfort für die Sprecher ist es natürlich, Zugang zum jeweiligen Spiel oder Film mit passenden Spielständen bzw. Zeitangaben im Film zu haben, an dem der Dialog zu finden ist. Das ist dann logischerweise die Creme de la Creme...

Ich hoffe, ich konnte ein paar brauchbare Ratschläge an den Mann (und natürlich die Frau) bringen, was erfolgreiche Dialogstrukturierung angeht. Für Ideen, Anregungen und Kritik bin ich natürlich immer offen.

Bis dahin, macht's gut
MAC